Überblick

 

Die Hurwicz-Regel, auch als Pessimismus-Optimismus-Kriterium bekannt, ist eine Entscheidungsregel der normativen Entscheidungstheorie, die bei Entscheidungen unter Unsicherheit zur Anwendung kommt. Solche Situationen sind dadurch gekennzeichnet, dass die möglichen zukünftigen Umweltzustände zwar bekannt sind, deren Eintrittswahrscheinlichkeiten jedoch nicht quantifiziert werden können. Die Regel stellt eine Synthese zwischen der rein pessimistischen Maximin-Regel und der rein optimistischen Maximax-Regel dar.

Das Hauptziel der Hurwicz-Regel besteht darin, dem Entscheidungsträger ein Instrument zur Verfügung zu stellen, das seine individuelle und subjektive Risikoneigung abbildet. Anstatt von einem extremen Szenario auszugehen, ermöglicht die Methode eine gewichtete Betrachtung des bestmöglichen (Best-Case) und des schlechtmöglichsten (Worst-Case) Ergebnisses einer Handlungsalternative. Das Ergebnis ist eine rational fundierte Entscheidung, die die persönliche Einstellung des Entscheiders zu Optimismus und Pessimismus formal berücksichtigt.

Entwickelt wurde das Kriterium vom polnisch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Leonid Hurwicz. Es ordnet sich in eine Reihe von klassischen Entscheidungsregeln bei Unsicherheit ein, zu denen neben den bereits genannten Maximin- und Maximax-Regeln auch die Laplace-Regel und die Savage-Niehans-Regel (Regel des kleinsten Bedauerns) gehören. Im Gegensatz zu diesen bietet die Hurwicz-Regel jedoch eine höhere Flexibilität durch die explizite Modellierung der Risikoeinstellung.

 

Konzept

 

Das Kernkonzept der Hurwicz-Regel ist die Berechnung eines gewichteten Präferenzwertes für jede zur Auswahl stehende Handlungsalternative. Dieser Wert ergibt sich aus der Summe des mit einem Optimismusparameter gewichteten Maximal- und des Minimalertrags der jeweiligen Alternative.

Der Optimismusparameter λ (Lambda) ist dabei die zentrale Stellschraube des Modells. Er ist ein subjektiv vom Entscheidungsträger festzulegender Wert im Intervall zwischen 0 und 1:

  • λ = 1: Der Entscheidungsträger ist ein reiner Optimist. Er gewichtet ausschließlich das bestmögliche Ergebnis. Die Hurwicz-Regel entspricht in diesem Fall der Maximax-Regel.
  • λ = 0: Der Entscheidungsträger ist ein reiner Pessimist. Er berücksichtigt nur das schlechtmöglichste Ergebnis. Die Regel entspricht hier der Maximin-Regel (Wald-Regel).
  • 0 < λ < 1: Der Wert bildet eine Zwischenstufe zwischen den Extremen ab. Ein Wert von λ = 0,7 signalisiert beispielsweise eine stark optimistische, aber nicht realitätsferne Grundeinstellung, während ein Wert von λ = 0,2 eine risikoscheue und vorsichtige Haltung widerspiegelt.

Die formale Berechnung des Hurwicz-Wertes (H) für eine Alternative lautet:
H = λ  max(Ergebnis) + (1 – λ)  min(Ergebnis)

Die Anwendung der Regel erfolgt in mehreren Schritten:

  1. Aufstellung der Ergebnismatrix: Alle Handlungsalternativen und die möglichen Umweltzustände werden mit ihren jeweiligen Ergebnissen (z.B. Gewinn, Kosten) in einer Matrix erfasst.
  2. Identifikation der Extremwerte: Für jede Alternative werden der höchste (Maximum) und der niedrigste (Minimum) Ergebniswert identifiziert.
  3. Festlegung des Optimismusparameters λ: Der Entscheidungsträger wählt seinen subjektiven λ-Wert.
  4. Berechnung der Hurwicz-Werte: Für jede Alternative wird der Präferenzwert H nach der oben genannten Formel berechnet.
  5. Entscheidung: Die Handlungsalternative mit dem höchsten Hurwicz-Wert wird ausgewählt.

Rechenbeispiel:
Ein Produktionsunternehmen plant die Einführung eines neuen Produkts und muss über die zu installierende Produktionskapazität (Alternative A: klein, Alternative B: groß) entscheiden. Der Erfolg hängt von der Marktnachfrage (Umweltzustand: hoch, mittel, niedrig) ab. Die Gewinnmatrix (in Tausend Euro) sieht wie folgt aus:

Alternative A: Kleine Kapazität | Hohe Nachfrage: 300 | Mittlere Nachfrage: 250 | Niedrige Nachfrage: 200

Alternative B: Große Kapazität | Hohe Nachfrage: 500 | Mittlere Nachfrage: 150 | Niedrige Nachfrage: -100

Ein eher optimistischer Manager wählt λ = 0,7.

  • Alternative A: max = 300, min = 200 → H(A) = 0,7 ⋅ 300 + 0,3 ⋅ 200 = 210 + 60 = 270
  • Alternative B: max = 500, min = -100 → H(B) = 0,7 ⋅ 500 + 0,3 ⋅ (-100) = 350 – 30 = 320

Der Manager würde sich für die große Kapazität (Alternative B) entscheiden.

Eine vorsichtige Managerin wählt hingegen λ = 0,2.

  • Alternative A: max = 300, min = 200 → H(A) = 0,2 ⋅ 300 + 0,8 ⋅ 200 = 60 + 160 = 220
  • Alternative B: max = 500, min = -100 → H(B) = 0,2 ⋅ 500 + 0,8 ⋅ (-100) = 100 – 80 = 20

Es würde die kleine Kapazität (Alternative A) gewählt werden.

Ein wesentlicher Kritikpunkt am Konzept ist, dass es ausschließlich die Extremwerte einer Alternative berücksichtigt. Alle dazwischenliegenden Ergebniswerte werden für die Berechnung vollständig ignoriert.

 

Mehrwert

 

Der primäre Mehrwert der Hurwicz-Regel für Unternehmen liegt in ihrer Flexibilität und psychologischen Realitätsnähe. Sie erkennt an, dass unternehmerische Entscheidungen selten in einem Vakuum reiner Rationalität getroffen werden, sondern maßgeblich von der Risikokultur des Unternehmens und der Persönlichkeit der Entscheidungsträger geprägt sind. Die Regel formalisiert diese subjektive Komponente und macht sie transparent und nachvollziehbar.

Darüber hinaus fördert die Anwendung der Regel eine bewusste Auseinandersetzung mit den Best- und Worst-Case-Szenarien. Sie zwingt die Entscheider, die Bandbreite möglicher Konsequenzen zu analysieren und ihre eigene Haltung dazu zu definieren. Dies kann die Qualität der strategischen Diskussion verbessern.

Konkrete Anwendungsbereiche in der produzierenden Industrie und produktionsnahen Bereichen sind vielfältig:

  • Investitionsentscheidungen: Wahl zwischen verschiedenen Maschinen oder Technologien mit unsicherem Return on Investment.
  • Produktionsprogrammplanung: Festlegung der Produktionsmengen für verschiedene Produkte bei volatiler Nachfrage.
  • Standortplanung: Auswahl eines neuen Lager- oder Produktionsstandortes unter Berücksichtigung unsicherer geopolitischer oder marktseitiger Entwicklungen.
  • Supply Chain Management: Entscheidung für oder gegen einen Lieferanten in einer unsicheren Beschaffungsmarktsituation.

Trotz ihrer Vorteile unterliegt die Regel auch Nachteilen. Die hohe Subjektivität bei der Wahl des λ-Parameters kann zu inkonsistenten Entscheidungen führen. Ferner kann die Vernachlässigung der mittleren Ergebniswerte in bestimmten Konstellationen zu suboptimalen Ergebnissen führen. Daher bewährt sich die Hurwicz-Regel insbesondere als ein ergänzendes Werkzeug im Rahmen einer umfassenderen Entscheidungsanalyse.