Überblick

 

Das Circumplex-Modell ist ein psychologisches Modell, das dazu dient, komplexe Phänomene wie emotionale Zustände oder Persönlichkeitseigenschaften systematisch zu beschreiben und zu ordnen. Es visualisiert diese Konzepte in einem zweidimensionalen Kreis (Circumplex), dessen Achsen die fundamentalen Dimensionen des jeweiligen Bereichs darstellen. Obwohl es verschiedene Circumplex-Modelle für unterschiedliche psychologische Domänen gibt, konzentriert sich dieser Beitrag auf das einflussreichste Modell im Bereich der Emotionen von James A. Russell. In diesem Modell werden emotionale Zustände typischerweise durch die Dimensionen Valenz (Angenehmheit vs. Unangenehmheit) und Arousal (Erregung vs. Ruhe) definiert.

Das Hauptziel des Modells ist es, die komplexen Beziehungen zwischen verschiedenen emotionalen Zuständen verständlich zu machen. Es zeigt auf, wie Emotionen ineinander übergehen, sich ähneln oder gegensätzlich sind. Unternehmen und Führungskräfte nutzen das Modell, um die emotionale Landschaft von Teams zu analysieren, die Wirkung von Veränderungen besser zu verstehen und die zwischenmenschliche Kommunikation sowie das allgemeine Wohlbefinden gezielt zu fördern. Es bietet eine strukturierte Grundlage, um affektive Reaktionen zu messen und zu interpretieren.

Entwickelt wurde das bekannteste Circumplex-Modell der Emotionen von James A. Russell im Jahr 1980. Es ordnet Emotionen nicht in diskrete, voneinander unabhängige Kategorien ein, sondern betrachtet sie als kontinuierliche Zustände, die auf grundlegenden neurophysiologischen Systemen basieren. Diese dimensionale Herangehensweise grenzt es von kategorialen Emotionsmodellen, wie denen von Paul Ekman, ab, die von einer begrenzten Anzahl universeller Basisemotionen ausgehen. Das Circumplex-Modell findet breite Anwendung in der Psychologie, im Marketing zur Analyse von Kundenreaktionen und in der Organisationsentwicklung zur Verbesserung des Arbeitsklimas.

 

Konzept

 

 

Das Circumplex-Modell von Russell basiert auf der Annahme, dass sich die Vielfalt menschlicher Emotionen auf zwei unabhängige, bipolare Dimensionen reduzieren lässt. Diese beiden Achsen spannen einen zweidimensionalen Raum auf, in dem jede Emotion ihren Platz findet.

Die erste und wichtigste Dimension ist die Valenz. Sie beschreibt die hedonische Qualität einer Emotion und verläuft auf der horizontalen Achse des Modells. Am einen Ende der Skala stehen positive, angenehme Gefühle (z.B. Freude, Zufriedenheit, Gelassenheit), am anderen Ende negative, unangenehme Gefühle (z.B. Angst, Traurigkeit, Ärger). Die Valenz beantwortet die grundlegende Frage: „Fühlt sich dieser Zustand gut oder schlecht an?“

Die zweite Dimension ist das Arousal oder die physiologische Erregung. Diese vertikale Achse beschreibt das Ausmaß der Aktivierung, das mit einer Emotion einhergeht. Hohes Arousal bedeutet einen Zustand hoher Energie und Aktivierung (z.B. Aufregung, Panik, Begeisterung), während niedriges Arousal einen Zustand geringer Energie und Passivität anzeigt (z.B. Entspannung, Langeweile, Müdigkeit). Das Arousal beantwortet die Frage: „Wie intensiv oder energetisierend ist dieser Zustand?“

Die Kombination dieser beiden Dimensionen ermöglicht eine präzise Verortung jeder Emotion im Kreismodell. So wird beispielsweise Freude als ein Zustand mit positiver Valenz und relativ hohem Arousal beschrieben. Begeisterung liegt in der Nähe, hat aber ein noch höheres Arousal. Zufriedenheit hingegen hat ebenfalls eine positive Valenz, aber ein niedrigeres Arousal. Im negativen Bereich wird Angst durch negative Valenz und hohes Arousal charakterisiert, während Traurigkeit eine negative Valenz bei niedrigem Arousal aufweist.

Abgrenzung zu anderen Circumplex-Modellen: Es ist wichtig, Russells affektives Modell von anderen Ansätzen wie dem Interpersonellen Circumplex (IPC) von Wiggins zu unterscheiden. Während Russells Modell *emotionale Zustände* abbildet, konzentriert sich der IPC auf *interpersonale Persönlichkeitsmerkmale* und Verhaltensweisen. Die Achsen des IPC sind daher nicht Valenz und Arousal, sondern **Dominanz** (durchsetzungsstark vs. unterwürfig) und **Wärme** (freundlich vs. feindselig). Beide Modelle nutzen eine ähnliche kreisförmige Struktur, beschreiben aber fundamental unterschiedliche psychologische Bereiche. Für die Analyse von Emotionen und Stimmungen im Unternehmenskontext ist Russells Modell das etablierte und passendere Werkzeug.

Die Anordnung der Emotionen im Kreis ist dabei nicht zufällig. Emotionen, die im Modell nahe beieinander liegen, werden als psychologisch ähnlich empfunden (z.B. Nervosität und Anspannung). Emotionen, die sich auf der gegenüberliegenden Seite des Kreises befinden, gelten als Gegensätze (z.B. Begeisterung und Niedergeschlagenheit). Das Modell verdeutlicht ferner, dass emotionale Zustände fließend sind. Eine Person kann sich entlang der Kreisbahn von einem Zustand zum nächsten bewegen, beispielsweise von Überraschung (hohes Arousal, neutrale Valenz) zu Freude (hohes Arousal, positive Valenz).

 

Mehrwert

 

Der praktische Mehrwert des Circumplex-Modells für Unternehmen und Führungskräfte ist erheblich. Es bietet ein klares und intuitives Werkzeug, um die oft schwer fassbare Welt der Emotionen am Arbeitsplatz zu strukturieren und besprechbar zu machen. Anstatt vage über „gute“ oder „schlechte“ Stimmung zu sprechen, ermöglicht das Modell eine differenzierte Analyse der emotionalen Dynamik in Teams und der gesamten Organisation.

Ein zentraler Nutzen liegt in der Verbesserung der emotionalen Intelligenz von Führungskräften. Manager, die das Modell verstehen, können die emotionalen Reaktionen ihrer Mitarbeiter auf Entscheidungen, Veränderungen oder Stressoren besser einschätzen. Sie können erkennen, ob ein Team beispielsweise in einem Zustand von Angst (negative Valenz, hohes Arousal) oder eher in einem Zustand von Demotivation und Langeweile (neutrale bis negative Valenz, niedriges Arousal) feststeckt. Diese Diagnose ist die Voraussetzung für gezielte Interventionen, um das Team wieder in einen produktiven und engagierten Zustand (positive Valenz, moderates bis hohes Arousal) zu führen.

Darüber hinaus fördert das Modell die Selbstreflexion der Mitarbeiter. Wenn Teammitglieder lernen, ihre eigenen Emotionen auf den Dimensionen Valenz und Arousal einzuordnen, entwickeln sie ein tieferes Verständnis für ihre eigenen Bedürfnisse und Stressauslöser. Dies stärkt die persönliche Resilienz und verbessert die Fähigkeit zur Selbstregulation. In Change-Management-Prozessen kann das Modell genutzt werden, um die emotionale Reise der Belegschaft zu visualisieren und zu begleiten – von anfänglichem Schock und Widerstand bis hin zu Akzeptanz und Engagement. Es hilft dabei, Kommunikationsstrategien so anzupassen, dass sie die jeweilige emotionale Lage der Mitarbeiter berücksichtigen und sie konstruktiv abholen.